2026-10-21 · ← News
Photoshop in Rust in zwei Wochen. ArtCraft hat dreizehn Apps und bewertet sich selbst mit 45 %
Brandon Thomas ließ Claude Opus 5.5 Photoshop, Premiere, Lightroom und weitere Programme in Rust nachbauen. Drei Wochen später gibt es dreizehn Open-Source-Apps und allein für PhotoCraft mehr als 70.000 Sterne. Die eigene Roadmap des Projekts sagt aber, dass bis zur echten Arbeit Hunderte bis Tausende Agentenstunden fehlen, und Juristen streiten, ob das überhaupt ein Clean Room ist.
Das Bild konnte nicht geladen werden.
„Software is over“, schrieb Brandon Thomas Anfang Oktober auf Hacker News. „I just one-shotted Photoshop. The whole thing.“ Drei Wochen später stehen auf getartcraft.com/apps dreizehn Apps. Sie ahmen Photoshop, Illustrator, Premiere, Lightroom, After Effects, InDesign und Acrobat nach. Inzwischen sind auch Word, Excel, PowerPoint, AutoCAD und Pro Tools dazugekommen. Das Spannendste daran ist nicht, wie viel sie können. Spannend ist, wie genau sie selbst beschreiben, was sie noch nicht können.
Ein Commit mit 42.000 Zeilen, danach eine Agentenfabrik
Thomas leitete früher die Firma Storyteller.ai. Sie entwickelt ArtCraft, ein Studio zum Generieren von Bildern und Videos. Laut Déclic Media spielte er am Vormittag des 30. September einen Commit namens „one-shot“ mit 42.241 Zeilen ein. Das war knapp drei Stunden nach dem ersten Commit des Projekts. Laut InfoQ hatte allein das PhotoCraft-Repository bis zum 13. Oktober 2.152 Commits. Dazu kommen 1.004 gemergte Pull Requests und 539.000 Zeilen Rust. Git verzeichnet 317 verschiedene Autoren, Claude taucht 277-mal als Autor auf. Die Rede vom „Einzelentwickler“ stimmte also fast sofort nicht mehr.
Die Apps laufen nativ unter macOS, Windows und Linux, die meisten auch per WebAssembly im Browser. Sie stehen unter MIT- oder Apache-2.0-Lizenz, funktionieren offline und brauchen kein Konto. Geld soll laut Thomas das Hauptprodukt ArtCraft bringen, das Credits für KI-Generierung verkauft. Seine Motivation beschrieb er schlicht: Adobe habe ihn einmal zu oft mit einer „Kündigungsgebühr“ gebissen. Am 22. Oktober hat PhotoCraft auf GitHub mehr als 71.000 Sterne, PdfCraft 17.000 und FilmCraft knapp 16.000.
Die Roadmap ist ehrlicher als die Schlagzeilen
In Reddit-Beiträgen versprach Thomas volle Parität mit Adobe innerhalb eines Monats. Auf Hacker News schwächte er das bald ab: 99 % seien eine Frage von Monaten, nicht von Jahren. Die Datei ROADMAP.md im PhotoCraft-Repository ist nüchterner als beide Versionen. Die Funktionsbreite schätzt sie auf 76 %, weil alle 628 Menüs und 56 von 68 Werkzeugen existieren. Die Bereitschaft für echte Arbeit liegt aber nur bei etwa 45 %. Von 25 Geschwindigkeitszielen erreicht das Projekt drei. Und laut Roadmap öffnet Photoshop die von PhotoCraft gespeicherten PSD-Dateien noch nicht zuverlässig.
Die verbleibende Arbeit misst das Projekt nicht in Wochen, sondern in Agentenstunden. Bis zur Beta fehlen 1.100 bis 1.800 Stunden eines einzelnen Opus-5.5-Agenten, bis zur vollen Parität 2.300 bis 4.100. Die Schätzung beruht auf tausend bereits gemergten Pull Requests. Laut den Autoren lassen sich etwa 80 % der Arbeit auf mehrere Agenten gleichzeitig verteilen. Es ist vermutlich das erste große Open-Source-Projekt, das seinen Plan in Recheneinheiten statt in Menschen schreibt.
Unabhängige Tests bestätigen die Roadmap. XDA Developers probierte PhotoCraft, LightCraft und FilmCraft unter Windows aus. Helligkeit, Kurven und Farbkorrekturen funktionierten. Automatische Auswahl und Retusche waren jedoch ungenau, und HEIC-Fotos vom iPhone ließen sich nicht öffnen. FilmCraft spielte kein 10-Bit-4K-Material ab. In einem anderen Test auf dem Mac scheiterte das Speichern einer PSD mit Ebenen, und der Ton in FilmCraft bestand nur aus Rauschen. Auf Hacker News berichtete ein Nutzer, PdfCraft habe fehlerfrei funktioniert. Die einfachste App schnitt am besten ab.
Ein Clean Room, in dem ein Mensch und ein Modell sitzen
Das Projekt sagt, es handle sich um einen Clean Room. Nach den eigenen Regeln hat das Team Photoshop nur beobachtet, wie es sich verhält und aussieht. Code, Shader und Assets wurden nicht übernommen. Gebaut wurde nach öffentlichen Spezifikationen, etwa dem dokumentierten PSD-Format oder den ICC-Standards. Zu den Tests gehören mehr als 250 PSD-Dateien, die das echte Photoshop erzeugt hat. PhotoCraft muss dieselben Pixel darstellen.
Ein klassischer Clean Room bedeutet allerdings zwei getrennte Teams. Eines schreibt die Spezifikation, das andere setzt sie um und hat das Original nie gesehen. So schrieb Phoenix Technologies 1984 ein IBM-kompatibles BIOS. Bei ArtCraft ist keine solche Trennung beschrieben. Dieselbe Person beobachtet Adobe, schreibt die Vorgabe und promptet das Modell. Und von außen kann niemand prüfen, was das Modell im Training gesehen hat. Der Rechtswissenschaftler Andres Guadamuz sagt deshalb nur sehr vorsichtig, das Projekt könne in den USA „möglicherweise“ bestehen. Die Schwachstellen sieht er außerhalb des Urheberrechts: in Lizenzbedingungen, Patenten und Marken.
In Europa ist der Boden günstiger. Der Gerichtshof der EU entschied 2012 im Fall SAS Institute gegen World Programming. Danach schützt das Urheberrecht weder die Funktionalität eines Programms noch das Format seiner Datendateien. Seit Oktober 2025 verbieten Adobes Nutzungsbedingungen allerdings ausdrücklich, Ein- und Ausgaben einer Anwendung zu überwachen, „um sie nachzubilden“. Ars Technica sieht zusätzlich ein Risiko wegen der Optik, denn PhotoCraft wirbt damit, dass jeder, der Photoshop kennt, auch PhotoCraft kennt. Bis Mitte Oktober fand Déclic keinen öffentlichen Schritt von Adobe und keinen Löschantrag auf GitHub.
Die eigentliche Neuheit ist die Steuerung durch Agenten
Die am wenigsten beachtete Eigenschaft könnte sich als die wichtigste erweisen. Jedes Menü, jedes Werkzeug und jeder Dialog in PhotoCraft startet einen Befehl aus einem einzigen Register. Dieselben Befehle ruft die grafische Oberfläche auf, ebenso die Kommandozeile, ein JSON-Kanal und der MCP-Server. Jacar.es steuerte PhotoCraft und PdfCraft am 13. Oktober über MCP ganz ohne Fenster. Bildbearbeitung sowie das Zusammenfügen und Drehen von PDF-Seiten funktionierten. PhotoCraft hat 892 Befehle in der CLI, PdfCraft bietet einem Agenten 161 Werkzeuge.
Für Agenten ist das eine andere Welt als das Klicken nach Screenshots in Photoshop. Der Agent schickt einen Befehl mit Parametern und bekommt ein strukturiertes Ergebnis zurück. Wenn ArtCraft die Zuverlässigkeit hinbekommt, gewinnt es vielleicht nicht gegen Adobe bei Gestaltern. Es kann aber dort gewinnen, wo heute eine Maschine die Grafiksoftware bedient.
Liliths Urteil
In zwei Wochen entstand eine Adobe-Fassade mit einem halben Gebäude dahinter, und das Projekt gibt das selbst ehrlich zu. Interessant ist nicht, dass sich Photoshop klonen lässt, sondern dass sich die restliche Arbeit in Agentenstunden zählen und kaufen lässt. Gestalter bleiben vorerst bei Adobe. Agenten, die tausend PDFs ohne Fenster bearbeiten müssen, können schon heute wechseln.